Fachbeitrag
Kennzahlen im Arbeitsschutz: Früh- und Spätindikatoren richtig nutzen
Wie sicher ist ein Betrieb? Die Zahl der Unfälle beantwortet diese Frage nur unzureichend, denn sie zeigt, was bereits passiert ist. Ein aussagekräftiges Kennzahlensystem verbindet deshalb Spätindikatoren mit Frühindikatoren, die erkennen lassen, ob die Prävention funktioniert.
Aktualisiert am 4 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze
- Spätindikatoren wie Unfallquote, LTIFR und Ausfalltage messen Ergebnisse, reagieren aber erst nach einem Ereignis.
- Frühindikatoren wie Erledigungsquote von Maßnahmen, Prüftermintreue und Unterweisungsquote zeigen, ob die Prävention wirkt.
- Vergleichbar werden Kennzahlen erst durch eine einheitliche Bezugsgröße, etwa je 1.000 Vollarbeiter oder je eine Million Arbeitsstunden.
- Wenige, klar definierte Kennzahlen mit eindeutiger Verantwortung wirken stärker als ein umfangreiches Berichtswesen.
- ISO 45001 verlangt, die Leistung im Arbeitsschutz zu überwachen und zu bewerten – Kennzahlen sind dafür das zentrale Werkzeug.
Warum Kennzahlen im Arbeitsschutz?
Kennzahlen machen Arbeitsschutz steuerbar. Sie zeigen der Leitung, wo das Unternehmen steht, machen Entwicklungen über die Zeit sichtbar und ermöglichen den Vergleich zwischen Standorten. Für Unternehmen mit einem Managementsystem nach ISO 45001 sind sie zudem gefordert: Abschnitt 9.1 verlangt festzulegen, was überwacht und gemessen wird, mit welchen Methoden und wann die Ergebnisse bewertet werden.
Entscheidend ist der Zweck: Kennzahlen sollen Entscheidungen auslösen, nicht Berichte füllen. Jede Kennzahl braucht deshalb einen Zielwert, eine verantwortliche Person und eine klare Regel, was bei Abweichungen geschieht.
Spätindikatoren: was bereits passiert ist
Spätindikatoren erfassen Unfälle, Erkrankungen und ihre Folgen. Sie sind unverzichtbar für den Vergleich mit Branchenwerten und für die Berichterstattung, eignen sich aber kaum zur Frühwarnung.
| Kennzahl | Berechnung | Aussage |
|---|---|---|
| 1.000-Mann-Quote | meldepflichtige Arbeitsunfälle × 1.000 ÷ Vollarbeiter | Unfallhäufigkeit bezogen auf die Beschäftigtenzahl; Grundlage der Statistik der Unfallversicherungsträger |
| LTIFR (Lost Time Injury Frequency Rate) | Unfälle mit Ausfallzeit × 1.000.000 ÷ geleistete Arbeitsstunden | International verbreitete Unfallhäufigkeit je eine Million Arbeitsstunden |
| TRIR (Total Recordable Incident Rate) | erfassungspflichtige Vorfälle × 200.000 ÷ geleistete Arbeitsstunden | In den USA übliche Quote, bezogen auf 100 Vollzeitkräfte und Jahr |
| Ausfalltage je Unfall | Ausfalltage ÷ Unfälle mit Ausfallzeit | Durchschnittliche Schwere der Unfälle |
| Tage ohne Unfall mit Ausfallzeit | Tage seit dem letzten Unfall mit Ausfallzeit | Anschaulich für die Belegschaft, statistisch wenig belastbar |
Meldepflichtig ist ein Arbeitsunfall in Deutschland, wenn die versicherte Person getötet oder für mehr als drei Tage arbeitsunfähig wird (§ 193 SGB VII). Übernehmen Sie diese Schwelle in die interne Statistik, damit Ihre Werte mit denen der Unfallversicherungsträger vergleichbar bleiben.
Frühindikatoren: ob die Prävention funktioniert
Frühindikatoren messen Tätigkeiten und Zustände, die Unfällen vorbeugen. Sie reagieren schneller, sind auch in kleineren Betrieben aussagekräftig und lassen sich unmittelbar beeinflussen.
| Kennzahl | Berechnung | Worauf es ankommt |
|---|---|---|
| Erledigungsquote von Maßnahmen | fristgerecht erledigte Maßnahmen ÷ fällige Maßnahmen | Zeigt, ob festgestellte Mängel tatsächlich behoben werden |
| Überfällige Maßnahmen | Anzahl offener Maßnahmen nach Fristablauf | Frühwarnsignal für fehlende Ressourcen oder unklare Zuständigkeiten |
| Prüftermintreue | fristgerecht durchgeführte Prüfungen ÷ fällige Prüfungen | Belegt die Einhaltung der Prüfpflichten nach Betriebssicherheitsverordnung |
| Unterweisungsquote | aktuell unterwiesene ÷ zu unterweisende Beschäftigte | Je Thema betrachten, nicht nur als Gesamtwert |
| Aktualität der Gefährdungsbeurteilung | Bereiche mit überprüfter Beurteilung ÷ alle Bereiche | Vorher festlegen, wann eine Beurteilung als aktuell gilt |
| Begehungen nach Plan | durchgeführte ÷ geplante Begehungen | Misst die Präsenz von Führung und Fachkräften vor Ort |
| Gemeldete Beinaheunfälle | Anzahl je Zeitraum oder je 100 Beschäftigte | Steigende Werte sind oft ein Zeichen für eine offene Meldekultur |
Ein Kennzahlensystem in fünf Schritten aufbauen
- 1
Ziele ableiten
Beginnen Sie bei den Zielen aus Arbeitsschutzpolitik und Gefährdungsbeurteilung, nicht bei den Daten, die zufällig verfügbar sind.
- 2
Wenige Kennzahlen auswählen
Für die Leitungsebene genügen fünf bis acht Kennzahlen: zwei bis drei Spätindikatoren und mehrere Frühindikatoren.
- 3
Definitionen festschreiben
Legen Sie Zähler, Nenner, Zeitraum und Datenquelle schriftlich fest. Nur so bleiben Werte zwischen Standorten und über Jahre vergleichbar.
- 4
Zielwerte und Verantwortliche bestimmen
Zu jeder Kennzahl gehören ein Zielwert und eine Person, die bei Abweichungen handelt.
- 5
Regelmäßig bewerten
Besprechen Sie die Kennzahlen im Arbeitsschutzausschuss und in der Managementbewertung und leiten Sie konkrete Maßnahmen ab.
Typische Fehler
- Nur Unfallzahlen berichten und damit ausschließlich auf Ereignisse reagieren.
- Zielvorgaben wie „null Unfälle“ mit Prämien verknüpfen – das kann dazu führen, dass Vorfälle nicht mehr gemeldet werden.
- Kennzahlen verschiedener Standorte vergleichen, obwohl sie unterschiedlich definiert sind.
- Daten von Hand aus mehreren Tabellen zusammentragen, mit hohem Aufwand und Fehlerrisiko.
Kennzahlen aus der laufenden Arbeit gewinnen
Frühindikatoren entstehen dort, wo gearbeitet wird: bei Maßnahmen, Prüfungen, Unterweisungen und Begehungen. Werden diese Abläufe in einem System geführt, fallen die Kennzahlen ohne Zusatzaufwand an. In EHS Go zeigt das Dashboard offene und überfällige Maßnahmen, fällige Prüfungen, den Stand der Unterweisungen und die letzten Begehungen – je Standort oder für das gesamte Unternehmen. Für die ASA-Sitzung oder die Managementbewertung exportieren Sie die Listen als PDF oder Excel.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Früh- und Spätindikatoren?
Spätindikatoren messen Ergebnisse wie Unfälle und Ausfalltage, also Ereignisse, die bereits eingetreten sind. Frühindikatoren messen vorbeugende Tätigkeiten und Zustände, etwa erledigte Maßnahmen oder fristgerechte Prüfungen. Sie zeigen Handlungsbedarf, bevor etwas passiert.
Wie wird die LTIFR berechnet?
Die Zahl der Unfälle mit mindestens einem Ausfalltag wird mit 1.000.000 multipliziert und durch die im selben Zeitraum geleisteten Arbeitsstunden geteilt. Manche Unternehmen verwenden 200.000 Stunden als Bezugsgröße; wichtig ist, die Basis immer anzugeben.
Welche Kennzahlen eignen sich für kleinere Betriebe?
Vor allem Frühindikatoren: Erledigungsquote von Maßnahmen, Prüftermintreue und Unterweisungsquote. Unfallquoten schwanken bei wenigen Beschäftigten zu stark, um daraus verlässliche Schlüsse zu ziehen.
Dieser Beitrag gibt einen allgemeinen Überblick und ersetzt keine Rechtsberatung.
